Wenn der Körper den Alkohol braucht

Zwei Betroffene sprechen im Bildungswerk offen über ihre frühere Abhängigkeit

„Der typische Alkoholkranke ist nicht der, der völlig verarmt unter der Brücke lebt“, machte Eveline Stronk klar. „Alkoholsucht gibt es quer durch alle Schichten.“ Bei ihr selbst baute sich die Sucht über Jahrzehnte auf, wie sie schilderte. Von den anfänglich täglich zwei Gläsern Bier als Genuss zum Abendessen bis zu täglich zwei Litern Wein am Schluss.
„Ich brauchte den Alkohol immer früher am Tag, ich hab´ mich selbst ausgetrickst mit Überstunden, damit ich später heimkomme und erst später zu trinken beginne“ , schildert sie. „Das geht aber nur kurzfristig, weil der Körper den Stoff braucht und ich alles sofort nachholte indem ich dann eben schneller getrunken habe. Mein Körper hat gelernt, nur noch mit Alkohol zu funktionieren.“
Massive Herzbeschwerden, hoher Blutdruck, Schweißausbrüche,Panikattacken – der Körper rebellierte. Der Gang zum Arzt machte klar, was sie selbst schon längere Zeit ahnte und sich nicht eingestehen wollte: Sie war alkoholabhängig.
Anders die Geschichte von Alfons Panzl. Eigentlich sei er lange Zeit ein Gegner von Alkohol gewesen, sein Vater war alkoholabhängig. Dann vor 13. Jahren: Trennung von der Frau. Panzl lebte plötzlich alleine und gab sich in seiner Einsamkeit und den kreisenden Gedanken dem Alkohol hin. Bald gewöhnte er sich an die Mengen und irgendwann  ging es nicht mehr ohne. Als ihn die Polizei unter Alkohol am Steuer erwischte und den Führerschein entzog, brach für ihn sein ganzes Kartenhaus zusammen. Zwei Monate Entzug  in einer Reha-Klinik  in der Nähe von Bonn folgten. „Das war sehr intensiv und unheimlich hilfreich“, beschreibt er. Panzl machte klar: Der Weg aus der Abhängigkeit führt nicht nur über den körperlichen Entzug, er führt auch über das eigene seelische Gleichgewicht. Viele Dinge gab es für ihn aufzuarbeiten.
Eveline Stronk  absolvierte ihre Entgiftung zehn Tage in der Klinik Bad Reichenhall. Sie rät von einem „kalten Entzug“ ohne ärztliche Aufsicht ab. Und sie macht klar; „Kontrolliertes Trinken ist einem Alkoholiker nicht möglich.“

Die Alkoholsucht zu verstecken kostet Kraft

Die beiden erzählten davon, wieviel Kraft es gekostet habe, die Alkoholsucht zu verstecken.  Eveline Stronk zum Beispiel berichtete von einem „Alibiglas“ im Wohnzimmer  und von einem versteckten Glas in der Küche, damit anderen nicht auffällt, wie viel sie trinkt. Panzl sagte, er habe zuletzt nur noch heimlich und kaum vor anderen getrunken, aus Angst sich zu verraten.
Und dann der ständige „Beschaffungsdruck“, die Sorgen, ob genug Alkohol greifbar sei, ob die Verkäuferin einen schon kenne und über die Entsorgung der Flaschen. Ständig kreisten die Gedanken darum, wann das nächste Glas Alkohol getrunken werden kann. Der Körper brauchte den Alkohol, er war daran gewohnt.
“ Zu einem Alkoholiker zu sagen hör auf zu trinken, ist, wie wann man einem Kranken sagt, mach dass dein Fieber runtergeht. Es ist unmöglich“, schilderte Eveline Stronk. Alkoholabhängigkeit sei ein schleichender Prozess und werde in der Gesellschaft noch immer als Charakterschwäche statt als Krankheit angesehen. “ Als ich meiner Familie, meinen Freunden und meinen Kollegen sagte, dass ich alkoholkrank bin, sagten viele, sie hätten es sich schon gedacht, aber keiner traute sich, mich darauf anzusprechen“, schildert Stronk weiter. Auf das „Outing“ hätten alle positiv reagiert. „Wenn in der Arbeit jemand Kuchen mitbringt, sagt man mir Bescheid, wo Alkohol drin ist und wo nicht“. Trockene Alkoholiker sollte den Rest ihres Lebens keinen Alkohol mehr zu sich nehmen, um nicht Gefahr zu laufen, rückfällig zu werden.
Ähnlich ging es Panzl. Der Entzug und das Outing waren wie ein Befreiungsschlag. Der ganze  Druck des Lügens fiel ab.  Und schuf die Basis für einen Neuanfang.
Heute sind Stronk und Panzl seit Jahren trocken. Der Stolz dass sie es geschafft haben, die Sucht zu besiegen, und die große Erleichterung, endlich wieder ein freies und gesundes Leben zu führen ist ihnen deutlich anzusehen bei ihren Schilderungen: „Mit der Alkoholabhängigkeit, das war kein Leben mehr.“
Beide sind heute in der Selbsthilfegruppe „Kreuzbund“ engagiert. Eveline Stronk leitet als Arbeitskreissprecherin die Gruppe in Freilassing, Alfons Panzl die in Teisendorf. Außerdem hat sich die 54-jährige zur Suchtkrankenhelferin ausbilden lassen und geht seit fünf Jahren regelmäßig in die Klinik nach Freilassing, um dort Patienten den Kreuzbund vorzustellen. Nähere Informationen gibt es im Internet unter: www.kreuzbundberchtesgaden.info
Abschließend appellieren sowohl Stronk als auch Panzl, bei Verdacht auf eine Alkoholkrankheit die Menschen anzusprechen. „Sie werden natürlich leugnen, das gehört zum Krankheitsbild. Geben sie nicht auf. Vielleicht können sie bei dem Betroffenen doch etwas in Bewegung setzen, damit er etwas gegen seine Krankheit unternimmt.

Erschienen im Reichenhaller Tagblatt am 23. März 2015
geschrieben von Tanja Weichold