Alkoholsucht nüchtern betrachtet

Infotag bei der Kreuzbund-Gruppe Staufen widmet sich der Selbsthilfe für Angehörige von Suchtkranken.

Sie sind betroffen, ohne direkt betroffen zu sein: Die Familienmitglieder, die zuschauen müssen, wenn die Sucht einen lieben Verwandten zerstört. Dem Thema „Angehörige in der Suchtselbsthilfe“ widmete sich deshalb auch der Schwerpunktvortrag von Sonja Egger beim 21. Infotag der Gruppe Staufen  im Pidinger Pfarrsaal. Dazu eingeladen hatte Gruppenleiter Manfred Hirtes, der zugleich Regionalsprecher Ost im Diözesanverband München-Freising und damit für 33 Gruppen in drei Landkreisen bis hinaus in die Bereiche Wasserburg und Mühldorf zuständig ist.
Vorstandschaft und Geschäftsführung des Diözesanverbands zeigten mit ihrem Dabeisein ihre Wertschätzung, was Manfred Hirtes besonders freute, wie er in seiner Begrüßung sagte. Ebenfalls gekommen waren als enge Partner die Vertreter der Caritas, zum Beispiel der Berchtesgadener-Land-Kreisgeschäftsführer Rainer Hoffmann, sein Stellvertreter, der Fachdienstleiter Suchtberatung in Bad Reichenhall, Raphael Koller, und die Leiterin der Fachambulanz Traunstein, Emöke von Kotzebue-Thiombane, die Leiterin der Selbsthilfekontaktstelle  in Freilassing, Marie-Therese Roozen. Seinen persönlichen Gruß und Dank überbrachte auch Bürgermeister Hannes Holzer, der sich krankheitsbedingt jedoch in der Pause verabschiedete.
Kreuzbund-Geschäftsführerin Sonja Egger aus Stephanskirchen stellte sich als „Angehörige, Betroffene und als Kind in einer Suchtfamilie“ vor. Sie habe das ganze Programm gebucht, sagte sie mit ernster Miene in trockenem Humor.  Fünf bis zehn Millionen Angehörige von Suchtkranken gebe es als unmittelbar Betroffene, führte Egger aus. Die Dunkelziffer schätzten Experten höher ein.
Sie verglich ein Familiengeflecht mit einem Mobile, bei dem alle miteinander verbunden seien. Verändere ein Mitglied seine Position, gerieten alle anderen auch in Bewegung, im schlimmsten Fall ins Durcheinander. Angehörige von Suchtkranken übernähmen oft verschiedene Lebensbereiche und die Verantwortung, sie versuchten den Suchtkranken zu schützen, dies gehe manchmal bis zur Selbstaufgabe. Das Leben mit Suchtkranken sei ein Leben mit extremen Stimmungsschwankungen, lieblosem und aggressivem Verhalten, Geldsorgen und vielen weiteren Problemen. Manche Kinder von Betroffenen  zögen sich zurück, andere überspielten die Situation mit clownshaftem Verhalten, wieder andere übernähmen die Verantwortung für die Erwachsenen. Das schade der Entwicklung der Kinder, sie hätten später oft Schwierigkeiten in menschlichen Beziehungen oder suchten sich selbst einen suchtkranken Partner aus. „Angehörige von Suchtkranken benötigen Hilfe und Unterstützung“ betonte Egger. “ Sie brauchen Hilfe, um die Krankheit der Abhängigen zu verstehen, und um sich selbst zu schützen.“ Zwar gebe es inzwischen Angebote, doch würden Krankenkassen und Rentenversicherungsträger nach wie vor zu wenig Geld dafür ausgeben. Der Kreuzbund bietet seit einigen Jahren gemischte Gruppen und Angehörigengruppen an. Dort gehe es für die Angehörigen um den Blick nach vorne, um eine mutige Einstellung und den Vorsatz: „Das packe ich an, das schaffe ich.“

Angehörigen werde beigebracht zu lernen, den aussichtslosen Kampf gegen die übermächtige Sucht aufzugeben und nicht die Verantwortung  für den Betroffenen zu übernehmen. Es gehe um die Perspektive für ein gesünderes, selbstbestimmtes Leben. Die Mitglieder tauschten ein einem geschützten Raum Erfahrungen und Informationen aus und dürften eigene Bedürfnisse erkennen. In der Selbsthilfegruppe fänden sie Akzeptanz, Verständnis, Rückmeldungen und Hilfe zum Beispiel beim Grenzen setzen. “ Wir können Angehörigen wieder Mut geben und neue Kommunikations- und Verhaltensmuster gegenüber dem Suchtkranken mitgeben“, so Egger.  An Kinder und Jugendliche richte sich die Selbsthilfegruppe für Angehörige nicht. Diese gehörten bei Bedarf  in die Hände von Fachleuten. Und: „Von starken Eltern profitieren Kinder am meisten“, betonte Sonja  Egger.
Am Ende ihrer Ausführungen stellte sie noch das von ihr mitentwickelte neue „Kreuzbundentlastungstraining für Angehörige“ vor, das im Februar das erste Mal stattgefunden und positive Rückmeldungen erhalte habe. Der nächste Kurs finde im nächsten Jahr statt.
Nach einer Pause bei Kaffee und selbstgebackenen Kuchen ging es in heiterem Tonfall und natürlich mit nicht ernstzunehmenden Worten weiter. Hannes Buchwinkler vom „Alkoholsportbund Bayern (ASBB )“ brachte Texte aus dem Buch „Kinderdressur“ von Gerhard Polt auf die “ Sportart“  Alkoholtrinken umgemünzt zum Besten und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Er blickte auf seine eigene „Alkoholsportkarriere“ zurück, berichtete zum Beispiel vom Oktoberfestbesuch mit 14 getrunkenen „Maßen“ und davon, dass er für o,8 Promille drei Tage lang keinen Alkohol mehr trinken dürfe, um das zu schaffen.
Sein Sohn wolle professioneller Kampftrinker werden und sich international messen.“Wichtig ist, dass man die Sache nüchtern angeht, ohne vorglühen“, fuhr Buchwinkler spaßig fort. „Komabewusstlosigkeit darf nie reiner Selbstzweck sein, sondern das Ergebnis zielorientierten Trinkens.“Gerade dieser Beitrag zeigte sehr deutlich, dass die Mitglieder des Kreuzbunds sehr offen  und ohne Scheu mit ihrer Alkoholkrankheit umgehen und sogar über dieses Derblecken lachen können.
Am Ende des offiziellen Teils dieses Infotages ehrten Franz Kellermann und Manfred Hirtes noch drei Mitglieder für zehnjährige Mitgliedschaft: Anton Häußler aus Obing, Sebastian Mayer aus Schnaitsee und Rita Platscher aus Traunreut. Danach klang das Beisammensein gemütlich aus.Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 91225DD2-FDBE-43FC-B647-9E9DDC11C754_1_201_a-1024x576.jpeg

Erschienen im Berchtesgadener Anzeiger am 19. März 2018
geschrieben von Tanja Weichold