„Ich habe mein Umfeld belogen und betrogen“

„Ich kann mich jetzt an den kleinsten Dingen erfreuen“, erzählt Dieter S. lächelnd. Zum Beispiel über einen neuen Geldbeutel zu Weihnachten. Das war vor drei Jahren noch anders: Was bei anderen Unterhaltung und Vergnügen ist, war bei Dieter S. zur Krankheit geworden. „Pathologisches Glücksspiel heißt das im Fachjargon. Nicht nur seine Schulden, sondern auch seine Erwartungen, auch im Bezug auf Geschenke, waren damals immens.

„Das Spiel ist aus, wenn aus Spaß Ernst wird“, steht auf dem Themenflyer der Caritas- Fachambulanz Berchtesgadener Land. Seit zwei Jahren  ist die Fachambulanz von der Rentenversicherung als Behandlungsstelle für diese Art der Suchterkrankung anerkannt. Das Gesicht der Spielsucht ist vielseitig: In Lotteriespielen, Onlinespielen, an Spielautomaten, in Wetten, in Casinos oder an Börsen verlieren sich die Klienten der Caritas.
Bei Dieter S., ein Angestellter aus Bayrisch Gmain, begann die Faszination durch das Glücksspiel schon früh. „Als Jugendlicher war ich oft in der Stadt beim Billardspielen.“ Er begann, Geld in Automaten einzuwerfen, und dachte sich nicht viel dabei. Er habe Probleme mit seinen Eltern gehabt und alles in sich hineingefressen, analysiert der 46-jährige aus heutiger Sicht. Danach passierte jahrelang nichts.
Erst mit etwa 35 zog Dieter S. wieder los, spielte an Automaten in der Tankstelle, trank nebenbei ein Spezi und hörte mit 20 bis 30 Euro wieder auf. Später ging er in Bad Reichenhaller Spielotheken. Der Geldbedarf wuchs: Er kündigte 2 Lebensversicherungen. Das Geld war bald weg. Er nahm einen Kredit bei der Bank auf – dasselbe Spiel. An einem normalen Arbeitstag verspielte er in einer dreistündigen Pause 800 bis 900 Euro und bediente sich zuletzt an den Einnahmen seines Betriebs. „Zum Schluss war ich unten am Boden“, erzählt er. Die Polizei entfernte den Zulassungsaufkleber von seinem Auto, da er seine Versicherung nicht bezahlt hatte. Ers stand hungrig vor einer Bäckerei und konnte nichts kaufen.
Dreimal hatte er ein Gespräch mit seinem Chef. Beim dritten Mal rückte Dieter S. mit der Wahrheit heraus und sagte: „Du kannst mich hinausschmeißen. Ich ziehe sämtliche Konsequenzen.“ Die souveräne Reaktion seines Chefs erstaunt ihn noch heute. Dieser verzichtete auf den Rausschmiss, forderte von ihm, das Geld zurück zu zahlen, und versprach ihm, dass man danach gemeinsam einen Weg suche.
Nach einer Phase tiefer Verzweiflung – er wollte sich mit reichlich Wodka  am Staufen die Felsen hinunterstürzen – fing ihn die ambulante Gruppe der Caritas in 14-tägigen Treffen auf. Vor etwa zwei Jahren ging er dann in eine Fachklinik für Männer im Allgäu. “ In dieser Klinik habe ich erst wieder wirklich zu mir finden können“, erzählt der Bayrisch Gmainer.

In Klinik wieder auf sich selbst konzentrieren

„Eine Klinik hat den Vorteil, dass man sich auf sich selbst konzentrieren kann“, erzählt Raphael Koller, Leiter der Caritas-Fachambulanz. Für Dieter S. war der Abstand vom eigenen Umfeld mit Schulden und familiären Problemen eine Wohltat. „Da fängt man erst zu überlegen an: Was habe ich verbrochen? Ich habe mein komplettes Umfeld belogen und betrogen“, schildert er seine schmerzhafte Erkenntnis im Allgäu.
Die stationäre Therapie wurde für ihn zum Anfang eines neuen Weges, den er bis heute durchhielt. Er hätte drei Monat bleiben können. Doch weil ihn seine Firma wegen akutem Personalnotstand dringen brauchte, kehrte er nach zwei Klinik-Monaten zurück in die Arbeit. Mit den Worten „Schön, dass du wieder da bist“ hätten ihn seine Kollegen begrüßt, und sein Chef hab ihm Respekt gezollt, berichtet er. So war es trotz aller schwierigen zu regelnden Ding ein guter Neubeginn.

In der Spielphase von der Umwelt abgekapselt

Der 46-jährige genießt es heute, ungezwungen Kontakte aufbauen zu können, zum Beispiel  spontan mit einem Freund zum Kaffeetrinken zu gehen. Das war nicht immer so: „In der Spielphase habe ich mich von der Umwelt abgekapselt. Ich hatte Angst, was andere sagen.“ Wenn er heimkam und sich auf die Couch legte, wollte er nichts mehr von der Welt wissen.
Nach der Klinik ging er ein Jahr lang in die ambulante, therapeutische Gruppe, die im Gegensatz zur ersten von ihm besuchten Gruppe, der offenen „Motivationsgruppe“, ein geschlossener Kreis ist. Während er früher vor den Automaten die Probleme draußen ausklammerte, geht er sie nun offensiv an. Er muss nun Privatinsolvenz anmelden. Er treibt wieder Sport, geht am liebsten auf den Berg und arbeitet in seinem Hobbykeller gern handwerklich. „Das sind so Sachen, die ich gar nicht mehr getan habe.“ Um sich selber vor Versuchungen zu schützen, hat er immer nur 15 Euro im Geldbeutel.
„Spieler spielen auch mit Beziehungen“, erklärt Günther Schmitzberger der bei der Caritas für das Thema „Pathologisches Glücksspiel“ zuständig ist. „Dem Alkoholkranken sieht man sein Problem an. Den Spieler muss man eigentlich in die Hosentasche schauen, er ist ein Profi im Verheimlichen.“
So war die ahnungslose Lebensgefährtin von Dieter S. tief erschüttert als sie von einem Arbeitskollegen ihres Mannes erfuhr, was Sache ist. Sie war bei den ersten Gesprächen bei der Caritas dabei und besuchte die Angehörigengruppe an der Klinik. Die Beziehung überstand die tiefe Krise. Inzwischen verbesserte Dieter S. durch ein Seminar auch seine Fähigkeit, Nein zu sagen, sich abzugrenzen.
Bewegt erzählt er von einem Symbol seines Neubeginns: Eine Fichte, die er als Geschenk einmal selbst ausgraben durfte, wurde von ihm nun wieder gehegt und gepflegt und trieb zum Dank wieder aus.
Gemeinsam mit der Caritas entstand die Idee eine eigene Selbsthilfegruppe für Spieler zu gründen, da diese ganz spezielle Themen wie Geldsorgen und Geheimnistuerei. Die neue Gruppe besteht  seit 3. Oktober unter dem Dach des Kreuzbundes und wird von Dieter S. geleitet. Er möchte nun seine Erfahrungen weitergeben, um Menschen mit ähnlichen Problemen zu unterstützen.

Erschienen im Reichenhaller Tagblatt
geschrieben von Veronika Mergenthal