Den Alkohol im Griff

Das Problem mit dem Alkohol kam für Eveline Stronk schleichend: Ein, zwei Bier beim Essen, ein weiteres am Abend auf der Couch, später folgte des Schnaps, schließlich waren es zwei Liter Wein, die die heute 57-jährige jeden Tag konsumierte. Mittlerweile ist sie seit acht Jahren trockene Alkoholikerin, Arbeitskreissprecherin im Kreuzbund und geht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Die vom Landkreis, dem Suchtarbeitskreis Berchtesgadener Land und der Caritas initiierte Verzichtaktion „Drei Wochen ohne Alkohol“ sieht sie als sinnvolle Maßnahme, „den eigenen Alkoholkonsum zu analysieren“.

Stronk geht es besser denn je zuvor. Die Sache mit dem Alkohol hat sie hinter sich gelassen. „Alkoholsucht ist eine Krankheit“, sagt sie. Aber eine, die man in den Griff kriegen kann. Selbst nach 25 Jahren.

Am beste funktioniert das mit Hilfe von außen. Vor zehn Jahren war die Welt von Eveline Stronk noch eine ganz andere. Der Alkohol bestimmte ihren Alltag. Während der Arbeitszeit mied sie ihn zwar, erst danach griff sie zum Weinglas.

Gedanken über das Trinkverhalten

„Wer regelmäßig trinkt, sollte sich über sein Trinkverhalten in jedem Fall Gedanken machen“. sagt sie. Aktuell führen der Landkreis, der Suchtarbeitskreis Berchtesgadener Land und die Caritas eine Verzichtaktion im Rahmen der bundesweiten „Aktionswoche Alkohol“ durch. Drei Wochen nichts Alkoholisches trinken, lautet die Aufforderung.Jeder kann sich beteiligen. „Eine gute Sache“ , bestätigt Stronk, die irgendwann nicht mehr weiter wusste.
Ihr täglicher Alkoholkonsum überschritt das gesunde Maß um Längen. Die Gesundheit litt unter dem ständigen Alkohol. „Ich hatte Panikattacken, eine Blutdruck von 240 zu 135, das Pochen des Herzens war im Kopf zu spüren, ich litt unter extremen Schlafstörungen.“ Die 57-jährige hatte Angst vor einem Herzinfarkt, „Todesangst“, sagt sie rückblickend.

Der Einfluss des Alkohols war alltagsbestimmend. Ein selbst initiierter kalter Entzug, währen dessen sie ihren Alkoholkonsum in Eigenregie zu kontrollieren versuchte, brachte keinen Erfolg. „Außerdem ist das lebensgefährlich“, sagt Eveline Stronk, „das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich mir Hilfe suchte.“ Sie wandte sich an die Ärztin ihres Vertrauens.

Die klärte sie über die Alkoholkrankheit, die seit 1968 als solche in Deutschland anerkannt ist. Sie informierte sich über die Möglichkeiten der Therapie, die bei im Berufsleben Stehenden von der Rentenversicherung getragen wird. Zehn Tage lang ging Stronk ins Krankenhaus zur stationären Entgiftung. Dort bekam sie Tabletten, zwölf Stück am Tag, ein Mittel gegen die Entzugserscheinungen, die den Betroffenen das Leben zur Hölle machen können. Wer die Medikamente falsch nimmt, wird davon schnell abhängig, daher war die kontrollierte unter Aufsicht von Ärzten verordnete Entgiftung „die beste Entscheidung für mich“.

Nach dem zehntägigen Krankenhausaufenthalt folgte die Therapie bei der Caritas-Fachambulanz, die in der Regel zwischen einem und eineinhalb Jahren dauert. Eveline Stronks Wunsch war es, die Therapie ambulant zu versuchen. Damit man sieht, ob man im Alltag ohne Alkohol zurecht kommt. „Ich wollte im kalten Wasser schwimmen lernen.“

Natürlich war das anfangs eine große Belastung.Das Wissen, nun ohne Alkohol zu leben. „Ich habe mir das als großen Berg vorgestellt, den ich irgendwie überwinden muss.“ Von Tag zu Tag fühlte sie sich besser, selbstbewusster, bereiter für das Leben ohne Bier und Wein.

Auch alkoholfreies Bier ist tabu

Einzelstunden und Gruppengespräche halfen ihr dabei, die Finger vom Alkohol zu lassen. Ach Naschereien wie ein Mon Chéri sind tabu, alkoholfreies Bier ? „Sowieso nicht“, sagt sie. Dem Kopf würde vorgegaukelt, das sei Alkohol. Die Gefahr , wieder zu einem normalen Bier zu greifen, wäre zu groß.
Wenn Eveline Stronk Essen geht, versichert sie sich, dass in der Soße auch kein Alkohol ist. Ihr Leben verläuft wieder  in geordneten Bahnen , sie hat die Ausbildung zur freiwilligen Suchtkrankenhelferin erfolgreich absolviert. Menschen die Alkoholprobleme haben, können sich mittlerweile Rat bei ihr einholen.

„Alkoholkrank zu sein ist keine Charakterschwäche“ sagt Stronk.

Aber eine Krankheit, die es zu bekämpfen gilt. Sie beschreibt es so: “ Die Sucht ist wie ein Klotz am Bein. Ich habe den Klotz abgestreift.“

Im Landkreis gibt es elf Selbsthilfegruppen des Kreuzbunds, die sich regelmäßig treffen. Die Dunkelziffer der Alkoholabhängigen ist laut Stronk groß. „Man geht davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Angestellten einer Firma Alkoholprobleme haben“, sagt sie. Denn Alkohol ist in der Gesellschaft anerkannt, getrunken wird bei jedem Anlass. „Jeder kennt einen anderen, der aus der eigenen Perspektive zu viel trinkt.“
Ihr Ratschlag: Immer wieder darauf hinzuweisen. Den Entschluss wenige zu trinken oder sich Hilfe zu holen, müsse sowieso jeder persönlich fassen. „Mir geht es wieder gut“, sagt Eveline Stronk. Das Leben ohne Alkohol ist schließlich das einfachere.

Erschienen im Reichenhaller Tagblatt am 18. Mai 2017
geschrieben von Kilian Pfeiffer

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